06.04.2010

Nur nicht Bange machen lassen

Von Borwin Bandelow, erschienen im Havard Business Manager

Wer sich vor Kritik an seiner Arbeit fürchtet oder Angst hat, Fehler zu machen und falsche Entscheidungen zu treffen, ist damit nicht allein. So lernen Sie, mit negativen Gefühlen richtig umzugehen.

Kennen Sie das? Sie weisen einen Mitarbeiter zurecht und merken plötzlich, wie verkrampft Ihre Schultern sind. Dabei sollte doch Ihr Mitarbeiter Grund haben, sich unwohl zu fühlen.

Vielleicht haben Sie schlicht einen Hauch von Angst bemerkt, wie ihn viele Menschen im Berufsleben verspüren.

Angst ist in Unternehmen weitverbreitet. In einer Untersuchung der Kölner Fachhochschule aus dem Jahr 1997 fürchteten 70 Prozent der 1800 befragten Führungskräfte um ihren Arbeitsplatz, 68 Prozent hatten Angst, wegen Krankheit auszufallen. Diese Sorge rangiert bei jüngeren Managern sogar an der Spitze, weil sie fürchten, während ihrer Abwesenheit von Konkurrenten ausgestochen zu werden.

In vielen Fällen korrigiert Angst unser Verhalten, etwa in Konkurrenzsituationen. Doch etwa 7 Prozent der Menschen leiden an einer sogenannten sozialen Phobie. Auf den Alltag im Job bezogen heißt das: Sie haben vollkommen unbegründete Angst davor, kritisiert zu werden, Fehler zu machen, die falschen Entscheidungen zu treffen, dem Vorgesetzten zu widersprechen oder dem schlampigen Mitarbeiter die Meinung zu geigen.

Warum Angst wichtig ist

Grundsätzlich ist es nicht verkehrt, Angst zu haben. Das Angstsystem ist der Gegenpart des Belohnungssystems im Körper. Damit wir nicht ständig berauscht sind, weil uns das Belohnungssystem bei jedem sozialen Akt, jeder gelunge-nen Verhandlung oder dem Applaus nach einem Vortrag mit Endorphinen zuschüttet, dämpft die Angst unser Treiben.

Zuständig für diese Kontrolle sind zwei Systeme: Der Mandelkern (auch: Amygdala) als primitives System im Hirnstamm sichert unser Überleben, sorgt für instinktives Ausweichen vor zähnefletschenden Hunden, Autos auf Kollisionskurs oder giftigen Schlangen.

Das zweite, intelligente Angstsystem, das wahrscheinlich im sogenannten orbitofrontalen Cortex sitzt, ist unter anderem für die sozialen Ängste zuständig. Wenn sich also unser Belohnungssystem nach neuen Herausforderungen wie Machtspielen, Wettkampf oder aggressivem Verhalten sehnt, warnt das Angstsystem vor den sozial schädlichen Folgen.

Bei Sozialphobikern ist das Gleichgewicht beider Systeme zugunsten des Angstsystems verschoben. Die Furcht vor sozial schädlichen Folgen ist größer als der aufputschende Erfolg der ausgeschütteten Endorphine. Dabei kann das Angstsystem extrem stur sein. Während das Gehirn dem sozial ängstlichen Menschen klarmachen will, dass er oder sie gut aussieht, klug ist und kompetent im Beruf, arbeitet das Angstsystem erfolgreich dagegen an: Die Menschen denken, sie seien minderwertig, abstoßend und nutzlos.

Man nimmt heute an, dass diese Furcht vor sozialen Kontakten zur Hälfte vererbt wird. Der Rest wird von Umwelt- und neurobiologischen Einflüssen bestimmt. Wer zum Beispiel als Kind von den Eltern getrennt wurde, erfährt unter Umständen eine Veränderung der sogenannten Neurotransmitterfunktion. Dabei sorgen Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin dafür, dass Signale in den Nervenbahnen weitergeleitet werden. Vollständig geklärt ist dieser Zusammenhang allerdings noch nicht.

Die Folgen sind für die Betroffenen sehr unterschiedlich. Wer unter einem erhöhten Angstlevel leidet, fühlt sich zwar häufig ausgeliefert und unwohl - registriert unter Umständen aber gar nicht, dass sein Angstempfinden stärker ausgeprägt ist als beim Rest der Bevölkerung. Er denkt, sein Gefühl sei normal. Eine Führungskraft mit Angst vor Kritik und fehlerhaftem Arbeiten wird sich noch mehr ins Zeug legen als jeder andere im Unternehmen. Gleichzeitig sind die Betroffenen extrem kritisch, neigen zum Mikromanagement. Schließlich wissen sie ja genau, wie leicht Menschen Fehler machen.

Das Phänomen Angst macht nicht nur den Betroffenen selbst zu schaffen. Auch die Vorgesetzten von Führungskräften und Mitarbeitern mit erhöhtem Angstlevel müssen aufpassen. Denn grundsätzlich sind Mitarbeiter mit einem gewissen Angstlevel für ein Unternehmen nahezu ideal. Sie zeichnen sich durch besondere Akribie aus, sind immer freundlich und zuvorkommend. Sie sagen selten Nein und prüfen ihre Arbeit lieber dreimal, um das Risiko eines Fehlers zu minimieren. Ehrgeiz ist ihr Karriereturbo. Aber es gilt die Regel, dass nur ein mittlerer Angstlevel beflügelt - zu viel Angst macht krank.

Sie führt zum Beispiel zu Depressionen. Viele Führungskräfte bekämpfen ihre Ängste mit Alkohol oder Medikamenten. Auch die Suizidgefahr steigt. Vor allem Mitarbeiter auf niedrigeren Hierarchiestufen nehmen dann gern eine Auszeit auf Krankenschein, um sich zu erholen.

Manager müssen also gerade bei diesen Kollegen und Mitarbeitern aufpassen. Generell hilft es, viel zu loben, auch wenn es sich nicht um außergewöhnliche Ergebnisse handelt. Führungskräfte fürchten häufig, dass die Leistung sinkt, wenn sie zu oft loben. Das ist falsch, denn mit Lob beugen sie der Gefahr vor, ängstliche Mitarbeiter in ein Leistungstief zu stürzen.

Die Angst beherrschen

Generell kann jedem die weitverbreitete Angst vor Kritik, vor der Blamage bei Vorträgen, vor dem Gelächter über eine vermeintlich dumme Aussage in der Konferenz genommen werden. Als Faustregel gilt: Wer als Sozialphobiker ängstigende Situationen bewusst sucht, wird langsam aber sicher mutiger. Ein Beispiel: Wer sich nicht traut, am Telefon fremde Leute anzurufen, fährt am besten, wenn er sich einen Beruf sucht, in dem genau diese Fähigkeit nötig ist. Wer Angst vor Vorträgen hat, verliert sie am leichtesten durch die freie Rede vor Publikum. In der Regel ist ihre Furcht unbegründet. Durch ihre Angst sind sie meist besser vorbereitet als jeder andere. So zeigten Vergleiche von Sozialphobikern mit Normalpersonen bei Vorträgen, dass die Zuschauer die ängstlichen Redner völlig normal beurteilten, während diese sich als sehr schlecht bewerteten.

Angst muss also kein Karrierehemmnis sein, wie die Beispiele Warren Buffet und auch Ex-Microsoft-Chef Bill Gates zeigen. Beide waren in ihrer Kindheit und Jugend extrem schüchtern und ängstlich. Sie kompensierten ihre mangelnde soziale Kompetenz, indem sie extrem ehrgeizig im Beruf wurden.

Menschen mit sozialer Phobie fühlen sich wie eine Mischung aus Albert Einstein und Mister Universum - wobei sie sich die Intelligenz von Mister Universum zugestehen und die Figur von Einstein. Sie stellen unfaire Vergleiche an, messen sich im Job mit alten Hasen, die zehn Jahre mehr Erfahrung auf dem Buckel haben. Ein Trost bleibt: Untersuchungen haben gezeigt, dass die Angst im Alter von 20 bis 30 Jahren am größten ist - und danach langsam schwächer wird.

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